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Interview #1 || Dorit Linke

MissFoxy 20. Dezember 2015
Es gibt sie tatsächlich, Autorinnen, wie J.K. Rowling, Stephenie Meyer, Cornelia Funke und Co., die allein mit ihren Büchern Leser in unzähligen Ländern erreichen und ganz unabhängig von ihrem Heimatland ihren Platz in ganz vielen Herzen gefunden haben. Ihre Namen sind so gut wie jedem ein Begriff und kaum einer kennt ihre Bücher oder deren Verfilmungen nicht.
Dann gibt es noch all jene, die ebenso Großes leisten und dennoch keine internationale Bekanntheit erreicht haben oder nur eine sehr geringe. Autorinnen und Autoren, die mit ihren Worten tief ins Herz treffen und deren Bücher wir jedem empfehlen, der uns nach einem Buchtipp fragt. Zu ihnen gehört auch Dorit Linke. Ihr Debütroman Jenseits der blauen Grenze hat mich sehr berührt, mich noch sehr lange über die Thematik und den Inhalt nachdenken lassen. Vielen lieben Menschen habe ich dieses Buch empfohlen und ich habe mich sehr gefreut, als ich vor der Frankfurter Buchmesse gelesen habe, dass Dorit Linke mit ihrem Buch sogar für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert wurde. Und das ganz zu Recht! Auch wenn meine Rezension eine meiner ersten war und längst nicht an meine heutigen herankommt, spiegelt sie, glaube ich, sehr gut meine Begeisterung für dieses Werk wieder. Auch andere Meinungen schließen sich dort an und ich kenne keinen, der Jenseits der blauen Grenze nicht gemocht hat.
Um so mehr habe ich mich für die großartige Gelegenheit gefreut, Dorit Linke interviewen zu dürfen und euch so Autorin und Buch noch einmal näher zu bringen. Vielen Dank natürlich hier an Dorit Linke, für die Zeit und die wundervolle Beantwortung meiner Fragen, und auch an den Magellan Verlag, für die Vermittlung und die großen Mühen.

Das Interview

1. Sie sind in der DDR aufgewachsen und haben das Leben und die ganze Situation dort bewusst
miterlebt. Deshalb habe ich mich beim Lesen immer wieder gefragt: Wie viel von Ihnen steckt
eigentlich in Hanna? 
Ein wenig. Ich bin wie Hanna in Rostock aufgewachsen und auf die Schule gegangen, die im
Roman beschrieben wird. Der Sport ist eine Parallele, auch ich war wie Hanna eher
leistungsorientiert und habe mich für Literatur interessiert. 
2. Haben Sie an Flucht gedacht und wäre Ihr Fluchtweg, als Leistungssportlerin und
Rettungsschwimmerin, auch über die Ostsee gelaufen? Oder hätten Sie einen anderen gewählt? 
Über eine Flucht habe ich nie konkret nachgedacht, aber wenn, dann wäre ich vermutlich über die
„blaue Grenze“ geflohen, denn die Ostsee war einfach naheliegender als beispielsweise die Berliner
Mauer. Außerdem bin ich damals ziemlich gut geschwommen, Wasser war ein vertrautes Element.
Während meiner Tätigkeit als Rettungsschwimmerin habe ich schon das eine oder andere Mal
darüber nachgesonnen, wie es wohl wäre, einfach auf die Ostsee hinauszuschwimmen, aber in die
Tat umsetzen wollte ich das nie. 


3. Sie haben an den Montagsdemonstrationen teilgenommen. Wie kam es zu Ihrer
Unzufriedenheit dem politischen System der DDR gegenüber? Gab es ein einschneidendes
Ereignis oder war es eher ein langsamer Prozess? 
Das Aufwachsen in der DDR war von Reglementierung geprägt. Meinungsfreiheit gab es nicht. Als
Ende der 80er Jahre Stimmen lauter wurden, die innerhalb des Systems etwas ändern wollten, traf
das den Nerv vieler Menschen. Die Einengung habe ich persönlich natürlich auch gespürt und
Ungerechtigkeiten im Alltag erlebt. Wer sich nicht anpasste, wurde ausgebremst und systematisch
klein gehalten. Diese Vorgänge blieben auch Jugendlichen nicht verborgen und der Unmut darüber
wuchs. Ich hatte das Glück, einer Generation anzugehören, die im Herbst 1989 dann auf die Straße
gehen und ihre Meinung äußern konnte, ohne die bis dahin gefürchteten Konsequenzen zu spüren
zu bekommen. 
4. Um wieder zurück zu „Jenseits der blauen Grenze“ zu kommen: Hanna und Andreas fliehen
im Sommer 1989. Nur ein Viertel Jahr später fällt die Mauer. Wenn man in der Schule Neue
Deutsche Geschichte behandelt, dann denkt man immer, dass ein Ende der DDR vorhersehbar
war. War das wirklich so? Und wieso haben Sie dann genau diesen Zeitraum für die Flucht
gewählt? 
Das Ende der DDR war für uns Menschen, die dort lebten, alles andere als vorhersehbar. Uns war
durchaus bewusst, dass die Wirtschaft marode und die DDR nahezu bankrott war, auch wenn die
Regierenden permanent versuchten, ein anderes Bild zu vermitteln. Aber wenn man über ein
mögliches Ende nachdachte, konnte man sich beim besten Willen kein gutes vorstellen. Selbst als
Ungarn den eisernen Vorhang öffnete, wusste niemand, wie die Entwicklung in der DDR weiter
gehen würde, im Gegenteil, die Politik wurde danach noch restriktiver. Unsere Regierung hatte das
Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens in Peking begrüßt, daher herrschte große
Unsicherheit, was auf den Straßen der DDR geschehen würde, käme es dort zu ähnlichen
Demonstrationen. Glücklicherweise gab es ein Ende ohne Schrecken. Das ist nachwievor ein großes
Wunder der Geschichte und letztlich auf das progressive Wirken von Gorbatschow zurückzuführen.
Da ich einen authentischen Roman schreiben wollte, habe ich das Alter der Protagonisten so
gewählt, dass es ungefähr meinem entsprach. Daraus ergab sich zwangsläufig der nahe am
Mauerfall liegende Fluchtzeitpunkt und eine zusätzliche Spannung, da mittlerweile jeder weiß, dass
Hanna und Andreas einfach nur ein paar Wochen hätten warten müssen. Aber sie wussten eben
nicht, wie die Geschichte verlaufen würde, ebensowenig wie der letzte reale DDR Flüchtling, der
noch am 2. September 1989 durch die Ostsee in den Westen geschwommen ist. 


5. Ihr Schreibstil ist ebenso interessant, wie ihre Wahl der Zeit. Obwohl das Buch mit einem
Bewusstseinsbericht und viel direkter Rede startet, geht es Gegen Ende fast komplett in einen
Gedankenstrom über. Haben Sie sich ganz bewusst dazu
entschieden und wenn ja, aus welchem Grund? 

„Da ist was.
Links, ein.
Streifen am Horizont.
Rechts, aus. 
Wieder weg.
Links, ein.
Nochmal hinsehen“

(Seite 284)
Das war natürlich eine bewusste Entscheidung. Im Moment der äußersten körperlichen Erschöpfung
sind ganze Sätze gedanklich nicht mehr möglich. Die Halbsätze und einzelnen Worte spiegeln den
realen Zustand von Hanna wider. Kein Leser hätte mir geglaubt, dass sie am Ende ihrer Kraft ist,
hätte ich formvollendete Prosa gewählt. Inhalt und Form sollten einander entsprechen, das habe ich
vor vielen Jahren mal im Deutschunterricht gelernt 😉 Es war allerdings eine tolle Erfahrung, einen
derartigen Stil wählen zu können, ohne dass dieser bemüht oder gewollt wirkt. Er ergab sich aus der
Handlung, und diesem Strom folgen zu können, war für mich sehr erfüllend. 
6.Im Juli ist Ihr neues Buch „Fett Kohle“ erschienen. Es unterscheidet sich ein wenig von
„Jenseits der blauen Grenze“. Es richtet sich an eine andere Zielgruppe, spielt im Berlin der
Gegenwart und behandelt außerdem eine andere Thematik. Wie kam es zu diesem Wechsel und
bei welchem Buch ist Ihnen das Schreiben leichter gefallen? 
„Jenseits der blauen Grenze“ ist ein Buch über das Aufwachsen in der DDR und beschreibt
verallgemeinernd die Menschen meiner Generation, daher ist es auch ein Teil von mir. Bei „Fett
Kohle“ handelt es sich um einen Roman, der in der Berliner Gegenwart spielt. In Berlin lebe ich seit
über zwanzig Jahren, ich liebe diese Stadt und hatte einfach Lust, die Handlung für ein Kinderbuch
hier anzusiedeln. Die Kategorie „leicht“ gibt es beim Schreiben für mich nicht, ich kann jedoch
sagen, dass ich in „Jenseits der blauen Grenze“ viel mehr Zeit und Recherchearbeit investiert habe,
einfach weil die Handlung dies erforderlich machte. Auch wenn diese fiktiv ist, mussten die
historischen Fakten etc. stimmen. Das Buch ist ein Ausflug in die Zeitgeschichte, bei dem junge
Menschen auf eine lebendige Weise etwas lernen und sich mit der deutschen Vergangenheit
auseinander setzen können.
An „Fett Kohle“ hängt mein Herz natürlich auch. Niklas und Felix sind aus dem Leben gegriffene
Neuköllner Jungs mit all ihren Sorgen, Wünschen und Träumen, die versuchen, einen Weg aus ihrer
schwierigen sozialen Lage zu finden. Kinderarmut und vor allem die Perspektivlosigkeit junger
Menschen sind große Probleme in Deutschland, die ich versucht habe, in dem recht flotten und am
Ende hoffnungsvollen Kinderkrimi anzusprechen. 


7. Können wir nach diesen Beiden Büchern noch mit weiteren Büchern rechnen? Haben Sie
vielleicht schon ein konkretes Projekt? 
Mit neuen Büchern ist unbedingt zu rechnen, und auch ein konkretes Projekt gibt es bereits.
Allerdings bitte ich um etwas Geduld, es soll am Ende schließlich etwas Gutes herauskommen. 


8. Zu guter letzt noch eine eher aktuelle Frage: Sie wurden, bzw. „Jenseits der blauen Grenze“
wurde, wie ich finde ganz zurecht, für den deutschen Jugendliteraturpreis nominiert. Leider nicht
gewonnen aber allein schon eine Nominierung muss eine unglaublich große Ehre sein. Wie
haben Sie sich gefühlt als die Nachricht kam und hätten Sie jemals geglaubt, mit einem Ihrer
Bücher so etwas zu erreichen? 
Vielen Dank! Es ist eine wahnsinnige Ehre und ich habe jeden Moment, der mit der Nominierung
zusammenhing, genossen. Nachwievor bin ich sehr froh über den Erfolg, den „Jenseits der blauen
Grenze“ erzielt hat. Ich war immer davon überzeugt, einen guten Roman geschrieben zu haben,
aber gerechnet habe ich mit der Nominierung nicht, das kann man auch gar nicht, schließlich gibt es
so viele herausragende Autoren. Ich habe mich sehr mit Susan Kreller gefreut, die nach 3maliger
Nominierung (das muss man erst einmal schaffen!) den Preis für „Schneeriese“ bekommen hat.


Über die Autorin

Zur Verfügung gestellt von Dorit Linke
Dorit Linke, geboren 1971 in Rostock, wuchs in der DDR auf. Sie machte Abitur, war Leistungssportlerin und Rettungsschwimmerin. Den politischen Wandel Ende der Achtziger erlebte sie bewusst mit, nahm an den Montagsdemonstrationen teil und war achtzehn Jahre alt, als die Mauer fiel. Heute lebt und arbeitet sie in Berlin.Jenseits der blauen Grenze ist ihr erster Roman.
Habt ihr bereits ein Buch von Dorit Linke gelesen? Oder habt ihr nach diesem Interview Lust darauf? Gibt es etwas anderes, was ihr zu diesem Beitrag sagen wollt? Gerade bei solchen Posts freue ich mich immer sehr über jeden einzelnen Kommentar!




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3 Comments

  1. Martina 20. Dezember 2015

    Danke für das schone Interview und die tollen Bilder! das Buch steht schon länger auf meiner Wunschliste! Als Österreicherin ist mir ja einiges fremd, was die DDR zeit angeht, aber ich habe sie noch miterleben dürfen und hatte eine Brieffreundin in der DDR. Die Briefe wurden teilweise zensiert….man konnte das sehen!….was da wohl so wichtig war, wenn sich 13-jhrige Mädels geschrieben haben, dass man hier im Westen nicht lesen durfte?
    Liebe Grüße
    Martina
    http://martinasbuchwelten.blogspot.co.at/

    Antworten
    1. MissFoxy 20. Dezember 2015

      Huhu Martina,

      lieben Dank für deinen Kommentar! Du musst es auch unbedingt lesen! Es lohnt sich. Also verbanne es besser schnell von deiner Wunschliste.

      Oh das ist ja spannend *-* Ich bin ja leider 1993 geboren und habe so leider gar nichts wahrgenommen. Als ich dann alt genug war, gab es ja leider kaum noch wirkliche Unterschiede und von der ehemaligen DDR wurde so gut wie gar nicht mehr gesprochen. Umso spannender finde ich es, Geschichten wie deine zu hören. Meine Eltern können mir, obwohl sie in Westdeutschland wohnten, auch nur sehr wenig erzählen. Wie du schon sagst wurde da leider sehr viel zensiert und es ist kaum etwas wahres durchgedrungen.

      Liebe Grüße
      Jule

  2. Julia 21. Dezember 2015

    Hey Jule!
    Wahnsinnig tolles Interview! Ich hab das Buch schon ein paar Mal gesehen, aber wie es mir scheint las ich damals nicht einmal den Klappentext. Ziemlich traurig, wie ich jetzt merke. Die Story klingt wirklich gut und ich möchte das Buch jetzt wirklich unbedingt lesen! 🙂

    Mir geht es da ähnlich wie dir. Ich bin 1992 geboren und somit gab es für mich die DDR nie. Immer wenn Menschen in meiner Kindheit von "der Mauer" gesprochen haben, fragte ich mich zwangsläufig "Was für eine Mauer denn?!" 😀 Allerdings war die DDR ein Schwerpunkt in meinem Geschichtsabitur. Dementsprechend hab ich mich intensiv damit auseinander gesetzt. Gerade deswegen klingt "Hinter der blauen Grenze" so interessant für mich.
    Meine Schule hatte damals auch das absolute Glück, dass Joachim Gauck für einen Vortrag zu uns kam. Damals war er natürlich noch nicht Bundespräsident, aber seine Geschichten aus der DDR waren unglaublich interessant! Was auch Dorit Linke so betont ist für uns heute so unvorstellbar: Keine freie Meinungsäußerung, keine freien Wahlen…keinerlei Demokratie. Naja..und so lange ist das alles ja auch noch gar nicht her.

    Danke für diesen wirklich schönen Post! Man merkt in jeder Frage, dass dich das Thema ebenso interessiert 🙂
    Allerliebste Grüße,
    Julia

    Antworten

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